Als ich Bob Marley fotografierte

Bob Marley, Hallenstadion Zürich 1980

Wenn ich diese Konzertbilder anschaue, kommt in mir wieder die Stimmung auf, wie ich sie im Hallenstadion Zürich verspürte, damals vor bald vierzig Jahren: die Euphorie, die «Positive Vibration», welche Bob Marleys Musik verbreitete. Als Fotograf stand ich vor der Abschrankung, unmittelbar vor der Bühne. Ich hing Marley an den Lippen: Die meisten Songs kannte ich auswendig, sang mit, wie die meisten im Publikum. Ein paar Takte Reggae, und der Körper geht mit; still stehen ist fast unmöglich. Die Musik nahm mich derart in Beschlag, dass ich ein paar Mal innehielt und mich fragte, ob ich aufmerksam genug sei beim Fotografieren.


Im Sehmodus am Konzert

Meistens war es umgekehrt, wenn ich als Fotograf an einem Konzert unterwegs war: Ich hatte das Gefühl, etwas vom Musikerlebnis einzubüssen, sobald ich eine Kamera in der Hand hatte. Natürlich ist ein Konzert Hören und Sehen zugleich, erschliesst sich mir die Musik nicht selten beim Beobachten der Musikerinnen und Musiker. – Es ist das Fotografieren, das mich in eine Art Sehmodus versetzt; die anderen Sinne fahren automatisch zurück.

Der Impuls fürs Bild

Beim Fotografieren leitet mich meine Intuition. Ein Impuls lässt mich den Auslöser drücken: Ja, das ist ein Bild! – Jede Überlegung wäre zu viel; ich würde jedes Bild verpassen. Ein differenzierter Blick ist erst später möglich, wenn ich zu Hause die handwerkliche Qualität der Aufnahmen beurteile und die besten Bilder zur Weiterverarbeitung selektioniere. Jetzt sehe ich, was ich mit meiner Kamera tatsächlich festgehalten habe. Zufrieden bin ich, wenn ich bei einem Bild ins Staunen komme. Weil dies ein gutes Zeichen dafür ist, dass ich beim Fotografieren inspiriert war und die vielzitierte Komfortzone verlassen habe.


Vierzig Jahre später

Wirklich ins Staunen kam ich, als ich kürzlich meine Schwarzweissnegative und Farbdias von Bob Marley digitalisierte. Auf verschiedenen Aufnahmen fiel mir zum ersten Mal der ernsthafte, sogar angespannte Gesichtsausdruck Bob Marleys auf. Damals hatte ich ein Bild zur Publikation ausgewählt, welches meiner damaligen aufgestellten Stimmung am besten entsprach.



Fotografieren um zu verstehen

Beim Fotografieren hatte ich weit mehr gesehen als mir damals bewusst war. Manchmal fotografiert man, was man verstehen möchte. In Zürich hatte Bob Marley am 30. Mai 1980 die «Uprising»-Tournee gestartet, welches seine letzte sein sollte. War er bereits gesundheitlich angeschlagen? Oder zeigte sein ernster Gesichtsausdruck, dass er als Rastaman seine Musik als Mission verstand, wie er stets betonte?   
Bob Marley: Redemption Song - Zürich 1980

Das Vermächtnis

Ein Bild hebt sich von allen anderen ab: Es dokumentiert den Moment, als er den «Redemption Song» sang. Das einzige Lied, das ich noch nicht kannte: Bob Marley allein mit seiner akustischen Gitarre. Und auf einmal nur noch seine Stimme; eindringliche Stille im Saal. – Ein magischer Moment.
Ein Gedanke fuhr mir durch den Kopf: Das tönt wie ein Vermächtnis.


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